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Als Journalist in China

Erfahrungen und Schlussfolgerungen des NZZ-Korrespondenten

Dr. Peter A. Fischer

Vortrag gehalten an der GV der schweizerisch-chinesischen Gesellschaft, Zürich, 7. Juli 2010

Vor lauter China-Experten über China zu referieren, ist wohl Eulen nach Athen tragen. Doch ich wurde gebeten, etwas über meine Arbeit als Journalist in China zu erzählen und darüber, wie der unterschiedliche Umgang mit Information den Journalismus in China und das chinesische System prägen. Das möchte ich hier tun, nicht um übermässig zu lobpreisen oder um ungebührlich Kritik zu üben, sondern um zum Nachdenken anzuregen.

Ich lebe gerne in China. Als China-Korrespondent der NZZ zu arbeiten, ist enorm spannend, bereichernd und herausfordernd. Manchmal kann es aber auch frustrierend oder zumindest bedrückend sein. Spannend und befriedigend ist diese Arbeit wegen der unglaublichen Dynamik und dem vielen für die meisten Westler Unbekannten, über das es zu berichten gilt. Bereichernd ist sie, weil der Journalist dabei an einer wichtigen Schnittstelle wirkt, an der er zwischen den Welten und Kulturen vermitteln und beide einander hoffentlich zumindest was das gegenseitige Verständnis anbelangt etwas näher bringen kann. Dass dies gelegentlich auch frustrierend oder sogar bedrückend sein kann, hat mit dem unterschiedlichen Verständnis von Journalismus und der Rolle von Information in den beiden Welten zu tun.

Die Unterschiede sind nicht bloss publizistischer oder kultureller Art. Sie gründen meiner Ansicht nach in dem trotz zunehmend ähnlichen Oberflächen fundamental anderen wirtschaftlichen und politischen System, das in China herrscht. Dieses hat Erstaunliches hervorgebracht. Als Europäer kann ich in China nichts als staunen, wenn scheinbar ständig in allen grösseren Städten ganze Stadtviertel neu gebaut werden. Früher dachte ich immer, die grösste Leidenschaft der Chinesen sei das Essen. Doch seit ich gesehen habe, wie die Massnahmen zur Konjunkturstimulierung im letzten Jahr ganze Inlandprovinzen in eine einzige Baustelle verwandelten, habe ich meine Meinung korrigiert. Die grösste Leidenschaft der Chinesen scheint derzeit das Bauen zu sein. China baut sich aus der Krise und entsprechend schnell verwandelt sich das Land. 

Die wirtschaftliche Aufholjagd im Reich der Mitte hat in den letzten drei Jahrzehnten seit Beginn der Öffnungspolitik das Bruttoinlandprodukt pro Kopf und damit den Wohlstand in China real wohl knapp versiebenfacht.  Das Reich der Mitte ist zur grössten Exportnation der Welt und dabei auch zum grössten Halter internationaler Devisenreserven geworden. Es ist heute wertmässig nach den USA weltweit der zweitwichtigste Industrieproduzenten und je nach dem, wie man misst, gerade vor oder nach Japan die dritt- oder zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt.

Mittlerweile fragen sich manche, ob dieses „Chinesische Wirtschaftswunder“ nicht vielleicht andernorts replizierbar wäre. Doch was hat es mit diesem „Modell“, wenn es denn eines ist, auf sich? Meiner Ansicht nach ist das chinesische Wirtschaftswunder Resultat von viel harter Arbeit und einer neuen Bereitschaft der chinesischen Führung, sich zu öffnen und vom Ausland zu lernen. Die Früchte der lange Zeit noch in sehr grosser Armut verrichteten Arbeit durften die Chinesen zu einem beträchtlichen Teil nicht geniessen. Stattdessen wurden und werden sie gespart und in Infrastruktur und unternehmerische Tätigkeiten investiert. Ausländische Investoren haben zur wirtschaftlichen Wiederbelebung Chinas entscheidende Beiträge geleistet. Doch der den chinesischen Bauern und Arbeitern jahrzehntelang abverlangte Konsumverzicht und die Art und Weise, wie Gelder in unter rein marktwirtschaftlichem Gesichtspunkt häufig fragwürdige Infrastrukturprojekte investiert wurden und werden, wäre in einem demokratischeren und transparenteren System so wohl kaum möglich. Im Kern baut das chinesische Wirtschaftswunder meiner Ansicht nach darauf, dass eine unter dem Banner der Partei straff organisierte Elite die Gesellschaft kontrolliert und organisiert. Diese zur Hauptsache aus Technokraten, revolutionären Grossfamilien und Bürokraten bestehende Elite arbeitet dabei nicht immer uneigennützig. Doch in den letzten drei Jahrzehnten haben die Vorteile überwogen, indem es ihr gelungen ist, Chinas Wirtschaft wieder anzukurbeln und nicht nur sich, sondern Hunderten von Millionen Chinesen zu neuem Wohlstand zu verhelfen.

Doch das chinesische Regime basiert darauf, dass es vorläufig keine Rechtssicherheit in unserem Sinne und zwar viel Propaganda, aber wenig unabhängige Information und damit verbundene Transparenz und dafür umso mehr Kontrolle gibt. Das schafft für einen Journalisten ein ganz anderes Arbeitsumfeld als im Westen. Lassen Sie mich dies an drei Beispielen illustrieren.

1. Renovation von Stadtteilen und die Angst vor Behörden

Ein Bekannter von mir, der in Peking als erfolgreicher Startup-Unternehmer wirkt, erwarb vor zwei Jahren zusammen mit einem chinesischen Partner in einem in der Nähe des Flughafens gelegenen Stadtteil ein Haus und baute es als Büro gründlich um. Vor gut einem Jahr teilten ihm die Behörden plötzlich mit, das Stadtviertel sei unattraktiv und müsse gründlich überholt und einer effizienteren Nutzung überführt werden. Die Einwohner hätten deshalb in andere, viel peripherer gelegene Wohnungen zu ziehen und/oder eine von den Behörden festgelegte Entschädigung zu akzeptieren.

Die Umnutzung „in öffentlichem Interesse“ gehört in ganz China zu den für Behörden lukrativsten und für daran beteiligte Bürokraten und ihnen nahestehenden Insider-Kreise einträglichsten Verwaltungstätigkeiten. Mein Bekannter war schockiert. Er und sein chinesischer Partner hatten keine Ahnung von den Behördenplänen gehabt und viel Geld und Zeit investiert. Er hatte dies alles legal getan und besass die notwendigen Bewilligungen. So beschloss er, sich gegen den Räumungsbefehl zu wehren. Ein Jahr später sind alle Häuser rundherum abgerissen, doch seines steht noch.

Kürzlich war ich bei chinesischen Freunden zu Besuch. Diese haben sich in einem kleinen Häuschen an einem Kanal ausserhalb des fünften Rings am Rande Pekings eingemietet. Die Häuser sind noch mehr Dorf als Stadt. Viele leben dort seit Jahrzehnten und bauern oder fischen. Ihre traditionellen Hofhäuser haben sie allmählich modernisiert und ausgebaut. Doch an dem lauschigen Samstagabend erzählten mir meine chinesischen Freunde, dass es mit der Idylle bald ein Ende haben werde. Die Behörden hätten entschieden, das ganze Gebiet als Park und Tourismuszone neu zu nutzen und das Dorf abzureissen. In einem Jahr sollten die Bewohner in neue Wohnungen in Mehrfamilienhäuser umziehen. Etwa 10% bis 20%  seien froh und sähen den Umzug und die damit verbundenen Entschädigungen als Chance. Manche hätten sogar ihre Häuser noch schnell vergrössert, um mehr Entschädigungen kassieren zu können. Doch die Mehrheit fürchte sich davor, wegzuziehen. Für sie sei ihr Dorf, das ja keineswegs heruntergekommen sei, ihre Heimat. Viele wüssten auch nicht, was sie in einer Stadtwohnung anfangen sollten. Doch da sei halt nichts zu machen. Man werde sich etwas neues suchen müssen.

Mit dem individuellen Gerechtigkeitssinn des Europäers zeigte ich mich entsetzt. Das Beispiel des Startup-Unternehmers vor Augen schlug ich meinen chinesischen Freunden vor, die Dorfbewohner zu organisieren und der Behördenwillkür mit Hilfe eines juristischen Beistands Widerstand zu leisten. Doch diese blickten mich nur befremdet an. Ob ich denn nicht wisse, was mit der Anwältin geschehen sei, welche von Umsiedlungen Betroffenen beigestanden sei und bei einem Verhör auf einer Polizeistation so geschlagen worden sei, dass sie bis heute nur noch an Krücken gehen könne? Nein, sie seien nicht verrückt und würden ganz sicher keinen Wiederstand organisieren, erklärten die als junge Kleinunternehmer dem Pekinger Mittelstand angehörigen Freunde. Darauf erinnerte ich sie daran, dass ich ja ausländischer Journalist sei und über die ungerechte Umsiedlungsaktion berichten und die Behörden offiziell um Rechenschaft bitten könne. Erneut waren meine Freunde alles andere als begeistert. Dann würde sicher herauskommen, dass sie mich hierhin gebracht hätten und sie wären erst recht in Schwierigkeiten, wandten sie ein. Nein, davon solle ich bitte freundschaftlich lassen. Sich gegen den Willen von Behörden, die auf lukrative Geschäfte aus seien, zu wehren, könne in China nur, wer sehr gute Beziehungen oder aber nichts zu verlieren habe.

Wie sie sehen, kann ich als ausländischer Korrespondent über Beziehungen und Zufälle einiges erfahren. Doch obwohl ich mich im Gegensatz zu der chinesischen Presse keiner Zensur beugen muss, kann ich nicht immer alles berichten. Ich muss nämlich aufpassen, durch meine Berichterstattung niemanden in ungebührliche Schwierigkeiten zu bringen. Tatsächliche und potenzielle Gesprächspartner haben häufig Angst, mir ihre Ansichten und Probleme anzuvertrauen. Denn ein offener Austausch mit mir kann sie leicht in Schwierigkeiten bringen, aber ihnen nur selten helfen.

2. Der Parteizeitungs-Chefredaktor und die Propaganda

Das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich ausländische Journalisten in China auseinandersetzen müssen. Vor einiger Zeit wollte ich etwas über das chinesische Verständnis von Demokratie und politischen Reformen schreiben. Es gelang mir, vom Chefredaktor der „Seeking Truth“ genannten zentralen Parteizeitschrift zu einem Gespräch empfangen zu werden. Er wolle es noch einmal versuchen, die Ausländer aufzuklären, die China einfach nicht verstehen würden. erklärte Li Baochun. China sei sehr wohl ein demokratisches Land,  bloss eines mit nur einer Partei. Da sei sehr sinnvoll, den anders als der Westen würden die Chinesen seit Jahrtausenden keine Gewaltentrennung kennen. Personen seien wichtiger als Gesetze, die Nation wichtiger als das Individuum und die Chinesen erwarteten von ihrer Regierung einen väterlich starken Staat, welcher die Nation zusammenhalte. Deswegen sei das Einparteienregime das einzig Richtige. Statt westlichem Mehrparteienregime könnten mit politischen Reformen mehr Demokratie und Mitsprache des Volkes innerhalb der einen Partei eingeführt werden. Das sei sowieso besser, denn wie man beispielsweise in Taiwan sehen könne, wo sogar der Ex-Präsident habe eingesperrt werden müssen, führe die Mehrparteiendemokratie nur zu Korruption. Innerparteiliche Demokratisierung und mehr Mitsprache des Volkes brauchten Zeit, erläuterte der Partei-Vordenker, aber China sei auf dem richtigen Weg. Über all das habe ich getreu berichtet. Doch in meinem Artikel zitierte ich auch den Politikprofessor Ren von der Pekinger Tsinghua Universität, welcher kritisierte, dass politische Reformen in China viel langsamer voran kämen als wirtschaftliche, weil politische Änderungen vom Willen der Partei abhängen würden. Zudem kommentierte ich, dass vorläufig unklar bleibt, ob und wann die Parteifunktionäre bereit sind, einen Teil ihrer Macht einem stärker demokratischen System zu opfern.

Als ich einige Zeit nach unserem Gespräch wieder einmal Herrn Li um dessen Meinung fragen wollte, hatte dieser keine Zeit. Als der freundliche Chefredaktor auch Wochen später nicht zu sprechen war, bat ich meine chinesische Mitarbeiterin, herauszufinden, was los sei.  Darauf erklärte sie mir, Herrn Lis Assistentin habe ihr gesagt, sie hätten meinen Artikel übersetzen lassen und gelesen. Er habe ihnen gar nicht gefallen. Denn dort habe nicht nur das gestanden, was Herrn Li mir gesagt habe, sondern auch andere Aussagen und sogar Gedanken, die von dem Journalisten stammten. Das sei nicht seriös und mit so einem schlechten Korrespondenten zu diskutieren, habe der Chefredaktor keine Zeit.  

Journalismus hat in den Augen der meisten chinesischen Behörden  Propaganda zu sein. Er soll diejenigen Informationen möglichst ungefiltert transportieren, welche die Verwaltung zur Veröffentlichung freigibt und die Bevölkerung erbaulich unterweisen. Zahlreiche Informationen, welche als kritischer betrachtet werden, sind nur für den internen Gebrauch bestimmt. Was nicht explizit zur Veröffentlichung freigegeben wird, gilt als geheim. Immer wieder werden Personen wegen Verrats von staatlichen oder kommerziellen Geheimnissen eingesperrt. Eine Rolle der Medien als „Vierte Gewalt“, welche zu kritischen Debatten anregt, ist vielen Chinesen fremd. Die Behörden halten deshalb westliche Medien auch häufig für „anti-chinesisch“, selbst wenn dies in unserem Verständnis überhaupt nicht der Fall ist. Wohl deshalb gibt China in letzter Zeit sehr viel Geld für den Versuch aus, das Ausland über ihre eigenen Medien zu informieren. Problematisch daran bleibt meiner Ansicht nach, dass diese kaum eine vertrauenswürdige Reputation aufbauen werden können, solange Peking sein Verständnis von Information als Propaganda nicht revidiert.  

3. Verborgener Unmut in Xinjiang und der Patriotismus

Ein drittes Erlebnis, welches mich für die unterschiedlichen Herausforderungen journalistischen Arbeitens in China und dem Westen sensibilisiert hat, stammt von einer Reise in die Autonome Region der Uiguren. Vor knapp zwei Jahren reiste ich zusammen mit einem Kollegen ein erstes Mal auf eigene Faust in die Provinz Xinjiang. Wir besuchten Städte und Dörfer, Moscheen und Märkte, Studenten und einfache Bauern. Am Schluss verfestigte sich der Eindruck, dass sich die verschiedenen Volksgruppen zwar nicht innig liebten, sondern aneinander vorbeilebten, dass aber die gezielte Assimilationspolitik der Chinesen recht erfolgreich ist. Uiguren schickten ihre Kinder an mandarin-chinesische Schulen, damit es diese einst eher an eine Uni in Peking schaffen. Es gab Klagen über kulturelle und religiöse Einschränkungen, doch von Hass war nichts zu spüren. Ein Jahr später kam es in Urumqi zu blutigen, ethnisch motivierten Ausschreitungen, bei denen Uiguren und Han-Chinesen regelrecht aufeinander Jagd machten und sich brutal umbrachten, bis eine massive Polizeipräsenz wieder eine fragile Ruhe herzustellen vermochte. Die Behörden entschlossen sich, Internet und andere Kommunikationskanäle monatelang zu unterbrechen. Ich war überrascht. Ein Jahr zuvor war in den Gesprächen nichts von einer solch explosiven Lage zu spüren gewesen.

Ich kann mir das nur damit erklären, dass es sich Chinesen nicht gewohnt sind, Kritik und Unmut frei zu äussern. Zu heiklen Fragen wird geschwiegen, bis angestauter Unmut sich plötzlich unkontrolliert und dann häufig schnell gewalttätig die Bahn bricht. Mich erinnern manche Geschehnisse in China gelegentlich an einen Dampfkochtopf, der vor sich hinkocht, bis der Überdruck plötzlich laut herauszischt. Chinesen lernen schon früh, dass es zu den zentralen Fähigkeiten gehört, zu wissen, wem sie was nicht sagen können und dürfen. Kritische Äusserungen gegenüber Ausländern gelten dabei als besonders unpatriotisch. Da praktisch alle Chinesen zwar nicht unbedingt die Kommunistische Partei, aber ihr Land lieben und die Partei die Karte des Nationalismus immer wieder geschickt ausspielt, ist es für einen Ausländer oft besonders schwierig, unangenehme Wahrheiten zu erfahren.

Alle diese drei Punkte, die besondere Bedeutung des Quellenschutz, das Verständnis von Information als Propaganda und der Patriotismus haben sowohl Auswirkungen auf die Art und Weise, wie ich als Journalist in China arbeiten muss, als auch darauf, wie das chinesische System als Ganzes funktioniert.

4. Auswirkungen auf die Arbeit eines Korrespondenten

Als ausländischer Korrespondent bin ich im Gegensatz zu meinen chinesischen Kollegen keiner direkten Zensur unterworfen. Wegen den beschriebenen Zusammenhängen muss ich aber stärker abwägen und hinterfragen als andernorts, ob das was ich erfahren habe, auch stimmt. Das Problem ist nicht mehr, dass ich mit jemandem nicht reden darf, sondern ob jemand willens ist, mit einem Journalisten zu sprechen und wie viel sich dieser dann zu sagen getraut. Die Informationssuche ist aufwendig und manches lässt sich nicht verlässlich überprüfen. Bei meiner Arbeit muss ich mir viel stärker als anderswo der Verantwortung gegenüber Quellen bewusst sein, wenn ich etwas herauszufinden und veröffentlichen will.

Es gilt, die Interessenlage hinter Informationen abzuklären und allmähliche Veränderungen in dem, was gesagt wird, wie bei einem Puzzle zu interpretieren. Dabei versuche ich die grossen Linien im Auge zu behalten, statt mich kremnologisch in spekulativen Details zu verlieren. Gerade weil vieles so anders ist, halte ich es zudem für extrem wichtig, beim Schreiben einzuordnen und dem Leser Hintergrund zu vermitteln. Gelegentlich für Frustrationen sorgt, dass ich das System nicht ändern kann, aber trotzdem nach westlichen Massstäben agieren muss. 

5. Information und Transparenz im chinesischen System

Die Art und Weise, wie in China Information kontrolliert und damit umgegangen wird, ist eben wie eingangs erwähnt ein inhärenter Teil des Systems, welches das chinesische Wirtschaftswunder der letzten drei Jahrzehnte hervorgebracht hat. Dieses ist zwar in einem eindrücklich rasanten Wandel begriffen, aber es basiert deswegen bisher trotzdem nicht oder nur sehr eingeschränkt auf einer freien Marktwirtschaft, in der möglichst vollständig und transparent informierte Marktteilnehmer durch ihre Entscheidungen das Handeln von Unternehmen bestimmen. Auch können die Chinesen nicht in Wahlen ihre politischen Präferenzen ausdrücken und damit die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen mitbestimmen. Das chinesische System  gründet vielmehr auf der Herrschaft der eingangs erwähnten technokratisch-bürokratischen Elite, welche im Schosse der Partei die Wirtschaft und Gesellschaft organisiert, kontrolliert und ihre Entwicklung langfristig plant. Die Mitglieder dieser Elite sehen Wissen und Information häufig als Grundlage ihrer Macht, welche sie nicht durch störende Mitsprache einschränken lassen wollen. Viele Entscheide fallen wenig transparent, weil so die spezifischen Interessen der Elite und deren Familien besser berücksichtigt und austariert werden können. Der „gewöhnliche Chinese“ muss durch die Medien in seinem Handeln und Denken angeleitet werden, aber er soll dabei nicht ins Grübeln kommen. Vieles braucht er laut der im Reich der Mitte immer noch vorherrschenden Mentalität schlicht nicht zu wissen.

Das mag in der Vergangenheit manchmal grosse Vorteile gehabt haben, weil so Entwicklungspläne und Projekte viel schneller realisiert werden konnten als in einer westlichen Demokratie mit ihren zahlreichen lähmenden Mitspracherechten. Aber es hat auch zunehmend bedeutsame Nachteile. Intransparenz fördert Ineffizienz und Korruption. Intransparenz und ein nur sehr bedingt leistungsfähiges Rechtssystem führen zu einem oft eklatanten Mangel an Vertrauen. Wenn ich in China ein Problem habe, kann ich nicht einfach die „Gelben Seiten“ aufschlagen und jemanden damit betrauen, dieses Problem zu lösen. Ich muss zuvor mühsam Beziehungen herstellen und Vertrauen schaffen. Von diesem Geschäft lebt eine ganze Industrie von teuren Restaurants und gut vernetzten Beratern. Und weil ich nie ganz sicher sein kann, ob der andere nicht doch versteckte Absichten hegt oder bessere Beziehungen hat, werde ich in meinen Businessplänen eine höhere Risikoprämie verlangen müssen.

6. Wandel für eine innovativere Gesellschaft

Vor allem aber haben meiner Ansicht nach der restriktive Umgang mit Information und das weitgehende Fehlen einer Kultur der kritischen öffentlichen Debatten in China den grossen Nachteil, dass sie zu einem Mangel an Freiheit in den Köpfen führen und damit zu einer wenig innovativen Gesellschaft.

Die Chinesen haben zwar einst den Kompass erfunden, doch Kompass heisst auf Chinesisch „Zhenanzhen“, „Der nach Süden zeigt“. Ich wüsste kaum einen Chinesen, der sich daran stört. Dass die Kompassnadel eigentlich nach Norden weist, weil dort der magnetische Nordpol ist, interessiert kaum jemand. Chinesen sind, positiv gesehen, sehr pragmatisch. An Widersprüchen halten sie sich nicht lange auf.  Doch problematischer daran ist, dass sie Bestehendes nicht hinterfragen. Das Bildungssystem fördert bisher systematisch Auswendiglernen und Obrigkeitshörigkeit. Die Übernahme von Verantwortung lohnt sich in China meistens nicht. Wenn ich eine auch noch so konstruktive Anfrage an eine chinesische Amtstelle richte, findet diese praktisch sicher tausend Ausreden, wieso sie dafür nicht zuständig ist oder der Bitte nicht entsprechen kann. Denn Nichtstun schadet nichts. Befasst man sich jedoch mit dem Journalisten, könnte man einen Fehler machen und dafür abgestraft werden.

Chinas Regierungs- und Gesellschaftssystem ist gut im Planen, Verordnen, Abstrafen und auch im Durchsetzen. Aber Innovation und Kreativität lassen sich nicht einfach verordnen oder einkaufen.

Die beeindruckenden wirtschaftlichen Wachstumszahlen der letzten drei Jahrzehnte sind so gesehen etwas irreführend. Denn Chinas Wirtschaft wächst zwar schnell, doch das erreichte Niveau ist immer noch vergleichsweise tief. Selbst kaufkraftbereinigt erreicht das Bruttoinlandprodukt pro Kopf in China vorerst nur rund einen Drittel desjenigen Russlands und bloss einen Siebtel desjenigen der Schweiz.

Vor allem aber stösst China mit seinem Wachstum und seinem Erfolg langsam aber sicher an Probleme, die uns bekannt vorkommen sollten. Ich denke dabei nicht nur an die riesigen Umweltprobleme, die auf das Land allenthalben zukommen. Diesen Frühling habe ich das Perlflussdelta, welches wohl die grösste Werkbank der Welt ist,  besucht. Nachdem dort in der Krise Tausende von Herstellern von Schuhen und Kleidern ihre Tore geschlossen haben, können jetzt im Aufschwung selbst Elektronikfirmen ihre Aufträge nicht fristgerecht ausführen, weil ihnen die dazu benötigten billigen unqualifizierten Arbeiter fehlen. Was sich vor der Krise bereits abgezeichnet hatte, wird nun immer stärker Realität. Eine neue Generation von jüngeren Chinesen will zu den derzeit gebotenen Billiglöhnen nicht mehr an die Küste ziehen und unter harten Bedingungen am Fliessband stehen. Streikende Wanderarbeiter in japanisch investierten chinesischen Firmen haben in den letzten Monaten für von der chinesischen Führung wohl nicht ganz ungewollte Schlagzeilen gesorgt. Der Vizechef des Shenzhener Arbeitsamts sagte mir unumwunden, dass seiner Ansicht nach die Firmen die Löhne deutlich werden erhöhen müssen. Doch die stöhnen schon jetzt, bei den Billigprodukten seien ihre Margen viel zu gering.

Chinas traditionelles Erfolgsmodell stösst damit an seine absehbaren Grenzen. Wenn China sich weiter entwickeln will, wird es die Wertschöpfungsleiter hochklettern und eine deutlich innovativere Wirtschaft und Gesellschaft hervorbringen  müssen.

Meine Damen und Herren, ich komme zu meinem vielleicht nicht ganz überraschenden Schluss: ich glaube, dass China, wenn es eine entwickeltere Gesellschaft werden will, früher oder später eine oder mehrere „NZZ“ brauchen wird. Denn ich halte freie Information und Transparenz, die für mehr kritische und politische Freiheit in Chinas klugen Köpfen sorgen, essentiell für den von Chinas Führung offiziell angestrebten Aufbau einer innovativen Gesellschaft. Zumindest Teile in der chinesischen Führung haben das glaube ich erkannt. Der Regierungschef Wen Jiabao etwa spricht immer wieder davon, dass die Gedanken der Chinesen befreit werden müssten. Doch weil dies systemkritische Änderungen voraussetzt, ist schwer vorherzusagen, wann und wie China auch diese Transformation, die wohl viel schwieriger ist, als die bisherige wirtschaftliche Öffnung, ohne grosse Brüche gelingen wird. Dass auch dies China gelingen wird, wäre nicht nur zu hoffen, weil es die Arbeit eines ausländischen Korrespondenten in China einfacher machen würde. Ein chinesischer Erfolg würde einander näher bringen - zum Vorteil von China und von uns im Westen

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