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Re: Re: "Als Journalist in China"

Dr. Peter A. Fischer

Sehr geehrter Herr Kolbl,

besten Dank für die Zusendung ihrer sehr ausführlichen Reaktion auf meinen Vortrag vor der Gesellschaft Schweiz-China.

Ich würde es begrüssen, wenn Sie meinen Vortrag zu ihrem Blog stellen würden, gerne auch mit meiner folgenden Antwort, dann kann sich jeder Leser selber eine Meinung bilden - ganz im Sinne eines kritischen Diskurs, wie ich ihn anstrebe. Meine spontane Reaktion auf ihre Einwände ist die folgende:

Es freut mich, wenn mein Vortrag zu Diskussionen Anlass gibt -  das war auch sein Ziel. Natürlich hätte ich diesen vor chinesischen Zuhörern in China etwas anders gehalten. Auch ich habe in China chinesische Bekannte, mit denen es mir gelungen ist, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dabei scheint es mir schon interessant, dass diese die Grundthese meines Vortrags, nämlich dass das in Festlandchina herrschende chinesische System noch mehr Transparenz und freiere Information braucht, um innovativer, effizienter (und weniger korrupt) zu werden, durchaus teilen. Es sind jedoch meistens ausländische Freunde Chinas wie Sie, welche das herrschende System vorbehaltlos verteidigen.

Ich kann und will hier nicht auf alle Ihre Argumente eintreten, welche mit dem mir aufgetragenen Thema, nämlich den Arbeitsbedingungen eines Journalisten in China, teilweise wenig zu tun haben. Ich möchte aber klarstellen, dass ich die Chinesen per se keineswegs für weniger wissenschaftlich und kreativ als andere Leute halte (wahrscheinlich sind sie durch ihre Sprache etwas anders konditioniert, aber das ist auch ein anderes Thema). Meine These, von der ich weiterhin überzeugt bin, lautet nur, dass das in China gegenwärtig noch herrschende System es einer breiten Masse zu wenig erlaubt, ihre Neugier und Kreativiät frei auszuleben und in einem freien, kritischen Diskurs zu schulen. Dass Chinesen an ausländischen Universitäten sehr erfolgreich sein können, widerlegt dies genauso wenig wie die Tatsache, dass das herrschende System gegenwärtig versucht, für aus dem Ausland zurückkehrende chinesische Forscher in manchen geschützten Bereichen besonders freie Verhältnisse zu schaffen, damit diese die Forschung und Entwicklung in China voranbringen. Mein Argument lautet, dass das chinesische System den Chinesen allgemein mehr Transparenz und ungefilterte Information zugestehen sollte, damit diese ihre Kreativität besser entwickeln und ausleben können. Wie anders Chinesen unter freieren Verhältnissen im Ausland, aber auch in Taiwan oder Hongkong wirken, scheint mir das Argument nicht zu entkräften. Im Gegenteil, es weist eher auf das Potenzial, welches Reformen in Festlanchina, die für mehr freie Information, Transparenz, Rechtssicherheit und mehr nicht nur im ganz privaten, sondern öffentlich geführte kritische Debatten sorgen würden, freisetzen könnten. Dabei habe ich übrigens in dem Vortrag nicht behauptet, dass solche Reformen sich nicht aus dem herrschenden Einparteiensystem heraus entwickeln könnten. Ich habe auch nicht gesagt, China brauche dazu zuerst eine Demokratie westlichen Zuschnitts. Ich bin allerdings persönlich zur Ansicht gelangt, dass Beispiele wie Taiwan oder Hongkong darauf hinweisen, dass solche Reformen meistens mit Schritten hin zu mehr Pluralität und auch mehr politischer Freiheit einhergehen.

Lassen Sie mich schliesslich noch anmerken, dass ich keineswegs gesagt habe, China müsse nur vom Westen lernen und China habe dem Westen nichts zu bieten. Das ist eine völlig falsche Interpretation meiner Einstellung. Auch ich schätze vieles an Chinas reicher Kultur und Geschichte sehr. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich aber der Ansicht, dass wer will, sich im Westen relativ frei über Chinas Errungenschaften und Kultur informieren kann. Es gibt im Westen kein offizielles Geschichtsbild des Reichs der Mitte und Beiträge wie der Ihre oder der meinige können frei veröffentlicht und diskutiert werden. In Festlandchina hingegen herrscht Zensur und entscheidet die Partei darüber, was der "gewöhnliche" Chinese (der in seiner Mehrheit noch nie im Ausland war) lesen darf und was nicht. Manche meiner Artikel werden in Festlandchina übersetzt veröffentlicht, wobei jeweils Sätze und Abschnitte weggelassen werden, die als nicht für die chinesische Leserschaft geeignet empfunden werden. Ich fände es schön und vor allem für China selbst förderlich, wenn sich das ändern würde. Ich anerkenne dabei durchaus, dass China im Vergleich zu vor dreissig Jahren auch in Informationsbelangen viel freier geworden ist und dass das Internet einiges verändert hat. Aber nur eine absolute Minderheit der Chinesen kann die "Grosse Firewall" umgehen. Zumindest ich erlebe hier tagtäglich, wie effektiv die chinesische Propaganda immer noch ist.

Mit freundlichen Grüssen aus Peking

Peter Fischer

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